In der vergangenen Saison entkam Viktoria Urberach nur knapp dem Abstieg. In dieser Runde geht es plötzlich um den Aufstieg. Zu verdanken ist der Erfolg nicht zuletzt dem Trainer Thomas Epp. Der 39-Jährige kam zu Beginn dieser Saison und formte einen Haufen von Spielern zu einer Mannschaft. Derzeit steht Viktoria Urberach auf dem Tabellenplatz zwei, hinter den Kickers Offenbach II. Epp sprach mit die-fans.de über anfängliche Vorgaben und dass sieben Spieler für einen Punktgewinn manchmal völlig ausreichen.
Vor der Saison wurde als Ziel ein einstelliger Tabellenplatz ausgegeben. Glauben Sie, dass Sie das noch erreichen können?
(lacht) Gute Frage. Das Ziel ‚neunter Platz’ war vorgegeben. Schon alleine deswegen, weil ich nicht sicher einschätzen konnte, wie die Mannschaft auf die Umstellungen reagieren würde. Man konnte in der vergangenen Saison schon erkennen, dass in der Mannschaft viel mehr Potential steckte. Aber sie war einfach völlig untertrainiert. Deswegen hatten wir zu Beginn der Vorrunde Probleme. Manche Spieler kamen anfangs mit der Umstellung auf vier, fünf Trainingseinheiten in der Woche nicht klar. Wir waren am Anfang sehr launisch. Zuerst konnten wir zu Hause gewinnen, dann haben wir auswärts verloren, dann wieder ein Sieg, anschließend erneut eine Niederlage. Sehr durchwachsen. Und dann kam dieses Spiel gegen Kickers Obertshausen. Da konnten wir einen 0:2-Rückstand mit sieben Mann in ein 2:2 umbiegen. Das war der Knackpunkt. So ein Spiel habe ich in meiner Laufbahn als Profi auch noch nie erlebt. Das hat die Mannschaft zusammengeschweißt. Kurz danach haben wir eine Serie hinlegen können, in der wir seit nunmehr zwölf Spielen ungeschlagen sind. Auch gegen FSV Frankfurt konnten wir, obwohl viele aus der Regionalligamannschaft des FSV plötzlich in der Reserve spielten, einen 1:3-Rückstand in ein 3:3 verwandeln. Wir sind irgendwie durchmarschiert und befinden uns jetzt auf dem zweiten Platz.
Jetzt geht ja die Arbeit im Verein erst los. Man muss sich jetzt fragen, ob man die Oberliga überhaupt stemmen kann und wie man das alles finanziert? Die Verantwortlichen sind durchaus überrascht worden in dieser Saison. Die Mannschaft hat in dieser Saison nur noch ein Ziel: das Ding einfach durchziehen.
Andere Stimmen setzten Viktoria Urberach sogar auf die Liste der Titelfavoriten…
Natürlich gab es auch andere Erwartungen. Ich war zuvor fünf Jahre beim SV Erzhausen in der Oberliga tätig und habe dort die Mannschaft immer auf einem recht konstanten Level gehalten. Damals standen wir mir dem SVE teils unter den ersten fünf Mannschaften. Da ist es klar, dass auch hier größere Erwartungen in die Mannschaft gesteckt werden. Zumal ich noch ein, zwei Spieler von dort mitgebracht hatte. Dann wurden wir eben auch als Geheimfavorit gehandelt.
Wie gesagt, die Mannschaft hatte schon zuvor großes Potential. Nur wurde dies nie richtig aus ihr herausgeholt. Es lief natürlich auch vieles für uns. Oberliga-Absteiger Bad Vilbel hatte zwischendurch etwas Probleme. Das hat uns sehr in die Karten gespielt. Ein weiterer Vorteil ist, dass Kickers Offenbach auf Platz eins steht. Wenn diese Mannschaft vorne bleibt, was wir alle hoffen, dann steigen bekanntlich die ersten drei der Tabelle auf und der Viertplatzierte spielt Relegation. Dass Offenbach vorne weg ist, macht uns alle gar nicht so böse. Ein Reservist einer Bundesligamannschaft darf ja keinen direkten Aufstiegsplatz belegen. Aber die können ruhig da oben bleiben. Obwohl die Mannschaft schon 22 Punkte entfernt war und es jetzt sind es ‚nur’ noch zehn sind.
Wir sind ganz gut im Rennen. Aber wir müssen auch vorsichtig sein. Wir haben immer noch dreizehn Spiele vor uns. Das erste Match nach der Winterpause geht gegen Bernbach, eine Mannschaft, die hinten drin steht. Als Trainer ist es da immer schwer, die eigenen Jungs zu motivieren. Dennoch haben wir bis jetzt sehr gut gearbeitet und wir wollen das Ding jetzt einfach durchziehen.
In der ersten Phase der Vorrunde lief es…
…ich glaube ‚holprig’ ist das Wort dafür…
…richtig, ‚holprig’. War die Mannschaft einfach nicht eingespielt, oder wie erklären Sie sich die Ergebnisse?
Naser Selmanaj, der Kapitän der Mannschaft, hat es vor kurzem in einer Darmstädter Zeitung recht einfach, aber treffend formuliert. Wir haben uns anfangs einfach ‚sau blöd’ angestellt. Ich denke, dass wir in jedem Spiel dominierten. Aber wir haben auch richtig amateur-hafte Fehler gemacht. Bei eigenem Eckball haben wir uns einfach auskontern lassen und in der letzten Minute den 1:1 Ausgleich eingefangen. Auch unsere Chancenverwertung war fast schon ‚grausam’. Die jungen Spieler kamen erst langsam in den Rhythmus rein. Die waren anfangs noch sehr kaputt und hatten nicht diese Frische. Für mich war es schwierig, den Mittelweg zu finden. Einerseits musst du die Zügel anziehen, aber rechtzeitig auch mal locker lassen. Noch dazu musste ich die Mannschaft auch noch auf Vierer-Kette umstellen. Nach den ersten fünf, sechs Spielen stellte sich alles etwas besser ein. Diesen Zeitraum benötigten wir eben für die Feinabstimmung. Unser Glück war, dass wir nach dieser Zeit nicht allzu weit von oben entfernt waren.
Ich habe immer gesagt, dass wir erst einmal abwarten müssen. Im Oktober oder November reden wir dann weiter. Anfangs gab es eben viele Dinge auf einmal, die verbessert werden mussten. Ich war froh, dass wir danach noch auf Tuchfühlung waren und glücklicherweise nicht hinten reingerutscht sind. Ich wusste, dass wir irgendwann eine Serie hinlegen werden. Das ist dann auch so eingetreten. Wenn wir einmal vier, fünf Spiele gewinnen, oder eben seit zwölf Spielen ungeschlagen sind, dann sind wir oben dabei. Und ich habe Recht behalten.
Sie erwähnten, dass sie den Trainingsrhythmus etwas nach oben geschraubt haben. War Ihnen Viktoria Urberach zu amatuerhaft?
Also Amateure sind wir immer noch! Vorher war eben alles ein bisschen lockerer. Obwohl meine Vorgänger Frank Grimm und Jochen Derwitz, die übrigens immer noch hier in Urberach spielen, gute Arbeit geleistet haben. Jeder wusste, dass ich eine andere Linie reinbringe, dass es bei mir anders abgeht. Dem Vorstand war es sehr wichtig, dass das, was investiert wird, und damit meine ich nicht unbedingt nur das Geld, sondern eben auch Mühe und Herzblut, letztlich auch fruchtet. Somit war klar, dass wir andere Wege gehen mussten. Es waren drei, vier junge Spieler mit im Kader, die ihr Potential irgendwie nicht richtig ausschöpfen konnten. Denen musste man einmal richtig in den Arsch treten. Und jetzt haben wir zum Beispiel zwei 22-Jährige, von denen man behaupten kann, dass sie eine Wahnsinnsentwicklung genommen haben. Alleine aufgrund dessen sind wir fast in der Pflicht aufzusteigen. Falls wir das nicht schaffen, werden wir diese Spieler wohl abgeben müssen.
Als ich noch nicht in Urberach trainierte, war die Arbeitsauffassung eher locker. Die Jungs haben halt miteinander ‚gekickt’. Sie waren viel unterwegs und nahmen alles nicht so ernst. Es war für Grimm und Dewitz als Trainer damals wohl schwer, auf diejenigen Kandidaten einzuwirken. Ich glaube, die Nähe war das Problem. Spieler und Trainer kannten sich zu gut. Durch den richtigen Zug wurde mancher Spieler etwas mehr gefordert. Letztlich war es gut, dass ein Trainer kam, der die Jungs nicht so persönlich kannte. Dadurch mussten sie sich erst einmal wieder beweisen, im Training, wie im Spiel. Viele haben nun eine super Entwicklung hinter sich.
Sie haben die Vierer-Kette eingeführt. Sollte das nicht Standard sein auf diesem Niveau?
Das sehe ich auch so. Ich sage es mal so, vorher wurde es ‚versucht’. Aber das war dann eher ein Spiel mit Libero und einer Dreier-Kette davor.
Wir haben dann zwei neue Spieler bekommen, die in der Vierer-Kette eingesetzt wurden. Einen habe ich selbst mitgebracht. Bei ihm wusste ich, dass er das kann. Unser Problem war eher die Ordnung im defensiven Mittelfeld. Für eine Vierer-Kette ist ein zentraler Spieler vor der Abwehr auf der Sechser-Position enorm wichtig. Die Mannschaft hat das früher auch nicht richtig gespielt. Anfangs fehlte im defensiven Mittelfeld einfach die Disziplin. Es wurde teils ganz schön wild gespielt.
Ich muss sagen, dass ein Hauptaspekt unseres Erfolges die Willensstärke der Spieler ist. Die Spieler haben einen tollen Charakter. Die Jungs willens, sich zu verbessern. Auch die beiden vorigen Trainer, die ja jetzt Spieler sind, haben sich hervorragend verhalten. Da gab es keinen Neid oder so etwas. Die wollten das Ding ganz einfach mit durchziehen. Der Frank Grimm macht da vorne seine Tore und Jochen Derwitz ist ebenfalls eminent wichtig für das Team.
Was hat es mit diesem ‚Schlüsselerlebnis’, das Spiel gegen Kickers Obertshausen, auf sich?
Also sowas habe ich noch nie erlebt. Wir haben damals gegen Obertshausen gespielt, die ja auch eine ganz gute und sehr junge Truppe haben. In diesem Spiel haben wir 60 Minuten mit sieben Mann gespielt. Wir hatten einen, naja, streitbaren Schiedsrichter. Innerhalb von zehn Minuten hat der vier meiner Spieler vom Platz geschickt. Zwei gelb-rote Karten und zwei rote Karten. So etwas habe ich noch nie erlebt. Ich musste dann erstmal einen Abwehrspieler für einen Stürmer einwechseln, um zu verhindern, dass wir uns gleich sechs Tore fangen. In den letzten zehn Minuten hatten wir zwei Ecken und konnten das unglaubliche 2:2 machen. Der Obertshausener Trainer Lars Schmidt, den ich noch aus meiner Profi-Zeit beim KSC und in Offenbach kenne, der stand noch lange bei uns und konnte es einfach nicht fassen. Seine elf Spieler haben einen Sieg gegen meine sieben verschenkt. Nach diesem Erlebnis ging es auf einmal los. Die Mannschaft gewann plötzlich die Spiele.
Auch jetzt steht die Mannschaft geschlossen zusammen. Am Samstag spielen wir im Pokalhalbfinale gegen Viktoria Aschaffenburg, das Team von Andi Möller. Auch da rechnen wir uns etwas aus. Die Mannschaft ist einfach hungrig. Genau das hat anfangs ein wenig gefehlt, glaube ich.
Es gab auch Stimmen, die es nicht gut hießen, dass so viele Spieler von außerhalb geholt wurden.
Das Problem ist ja, wenn es ein Spieler aus der eigenen Jugend nicht schafft. Die Frage ist, ob man ihn Bezirksliga spielen lässt, oder eben doch auf oberen Landesliga-Niveau oder gar Oberliga auf die Bank setzt. In unserem Fall waren drei, vier Spieler, die schon im letzten Jahr nur ab und zu in der Landesliga aufgelaufen sind. Ich finde, es ist ein Recht des Trainers, zu sagen: „Hier und jetzt reicht es nicht“. Und dann gibt es drei Möglichkeiten: Entweder sie legen ein paar Prozent zu, oder sie spielen in der Zweiten oder sie müssen ganz einfach den Verein verlassen.
Es hieß dann „Aber das sind doch Einheimische“ und so. Aber wo bitteschön spielt heutzutage noch ein Einheimischer in der Oberliga oder in der oberen Landesliga. Es sei denn, der Verein hat eine unheimlich gute Jugend-Grundausbildung. Und auch das ist eher Mangelware.
Am Anfang, als es nicht so gut lief, wurden die kritischen Stimmen natürlich immer lauter. Aber es ist doch im Fußball immer recht lustig anzusehen: Die größten Kritiker sind, wenn du gewinnst, auf einmal deine besten Freunde.
Die Leute haben recht schnell gemerkt, dass die Spieler, die zu Saisonbeginn kamen, feine Kerle sind. Deswegen hat sich diese Kritik auch schnell gelegt oder zumindest sind diese Leute verstummt. Es ist doch immer das selbe. Wenn es die Einheimischen nicht schaffen, dann fängt halt der Vater an zu meckern, dann kommt der Opa hinzu, und der Onkel macht auch noch mit. Gerade in kleineren Orten ist das oft sehr extrem. Aber die Mannschaft hat diese Kritik auf ihre Wiese beantwortet, indem sie Erfolg hatte. Der Vorstand und ich mussten sich deswegen gar nicht großartig darum kümmern
Sind Sie nächstes Jahr eigentlich noch Trainer bei Viktoria Urberach?
Ach, ich sagte ja bereits, im Fußball kann alles sehr schnell gehen. Ich beobachte erst einmal die Entwicklung der Mannschaft. Der Verein und das Team macht es einem schon schwer, über andere Engagements überhaupt nachzudenken. Man wird sich sicherlich noch des Öfteren unterhalten. Auch über den Fortgang der gesamten Entwicklung. Viele Spieler warten auch erst einmal meine Entscheidung ab, bevor sie etwas Konkretes sagen. Deswegen ist das schon eine schwierige Entscheidung, zum jetzigen Zeitpunkt. Am besten, wir warten erst einmal den März ab und wie wir aus der Winterpause herauskommen. Es wird nicht einfach sein, sich da vorne festzusetzen oder den Vorsprung gar auszubauen. Urberach wird für mich sicherlich der erste Ansprechpartner sein, das ist klar. Aber, wie soll ich sagen, „heute ist heute und morgen ist morgen“
Die finanzielle Aspekt für den Oberliga-Aufstieg ist noch nicht geklärt. Wie sieht es sportlich aus? Muss man im Falle eines Aufstiegs große Veränderungen im Kader erwarten?
Es ist klar, dass man zwei, drei Spieler noch in den Kader einbauen müsste. Das ist ganz normal, wenn man plötzlich eine Liga höher spielt. Dennoch hätte sich die Mannschaft verdient, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen. Natürlich sind wir nicht so blauäugig zu sagen, „wir spielen eine Liga höher und werden gewiss wieder vorne mitspielen, denn wir haben ja ein gutes Team“. So realitätsfern sind wir natürlich nicht. Obwohl wir bereits im Pokal gegen ein paar Oberligisten erfolgreich waren und auch in anderen Tests gegen solche Mannschaften nicht verloren haben, ist es doch noch einmal etwas anderes, als Liga-Mitglied in der Klasse zu spielen. Das habe ich den Jungs auch gesagt. Wir würden uns sicherlich auf zwei, drei Positionen verstärken. Aber wir werden gewiss keine elf neuen Spieler holen und weitere zwölf wegschicken.
Angenommen die Kickers Offenbach beginnen zu schwächeln. Müsste man, um die Regelung mit drei Direktaufsteigern in die Tat umzusetzen, selbst eine Schwächephase beginnen…?
Ich weiß worauf Sie hinaus wollen. Aber wenn wir am Schluss Meister werden, ist das natürlich noch schöner. Keine Frage.
Uns ist aber lieber, wenn Offenbach vorne weg ist, als etwa FV Bad Vilbel. Einfach deswegen, weil wir dann auf dem dritten Platz auch noch direkt aufsteigen würden. Wäre ein anderes Team vorne, also kein Reserve-Team eines Bundesligisten, dann würde nur der Zweitplatzierte direkt aufsteigen. Offenbach kann von mir aus vorne wegziehen, aber die restlichen Team wollen wir uns dann doch von oben herab ansehen. Wenn es denn so wäre, dass wir irgendwie die zehn Punkte Rückstand aufholen, hätten wir natürlich auch kein Problem damit. Dennoch können wir damit leben, dass uns Offenbach die anderen Teams etwas vom Leib hält.
Bitte kommentieren Sie den Satz: „Alles andere als der Aufstieg wäre eine Enttäuschung.“
Oh! Ich muss zuerst feststellen, dass wir eine sehr enge Spielerdecke haben. Es gibt vielleicht 15 Spieler, die qualitativ im Kader gesetzt sind. Die übrigen habe ich aus der Jugend hochgeholt oder aus der zweiten Mannschaft. Die haben noch nicht die Erfahrung. Wenn wir keine großartigen Verletzungen oder Rot-Flutwellen haben, dann wäre es durchaus eine Enttäuschung. Jedoch kann man das nicht beeinflussen. Vielleicht verletzen sich zwei, drei Spieler. Außerdem gibt es für uns auch noch private Dinge, die vielleicht den Vorzug erhalten werde. Wir sind ja hier keine Profis, die vom Fußball leben. Für uns gibt es auch abseits des Rasens Verpflichtungen. Aber wenn alle im Boot bleiben, dann müssten wir schon zumindest auf Platz drei landen. Nicht nur ich, auch die Mannschaft wäre sicherlich enttäuscht wenn es anders käme.
Wollen wir hoffen, dass niemand enttäuscht wird! Vielen Dank für das Gespräch.
